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Was hat es mit dem Minderwertigkeitskomplex auf sich?

Diese Frage stellte mir kürzlich eine Bekannte. Ich vermute, das sich das nicht nur sie fragt und habe deshalb meine Antwort in diesem Artikel zusammen gefasst.

Ein Komplex ist, wie der Name schon sagt, kein einzelnes Gefühl oder eine isolierte Verhaltensweise, sondern ein komplexes Zusammenspiel von Gedanken, Ansichten, Emotionen und Reaktionen.

Schauen wir uns zunächst die Gefühle an

Wie fühle ich mich, wenn ich denke, ich sei minderwertig?

Das erste was mir dazu kam ist Angst und Unsicherheit.

Wenn ich denke, ich sei minderwertig, dann habe ich Angst davor, welche Konsequenzen es haben könnte, wenn ich nicht dem entspreche, was andere für wert halten. Unsicherheit empfinde ich darüber, was ich denn tun oder sein müsste, um von anderen als „wertvoll“ bewertet zu werden.

Als nächstes melden sich Einsamkeit und Traurigkeit, wenn ich dem Gedanken nachspüre.

Wenn ich davon ausgehe, dass ich etwas sein müsste, was ich nicht bin, um wertvoll zu sein, dann zeige ich mich natürlich auch nicht, wie ich bin. Für eine echte Verbindung braucht es aber zwei Menschen, die sich authentisch zeigen.

Dieser Weg führt weiter zu Frust, Selbsthass und Depression begleitet von einem immer größeren Wunsch mich zu verstecken.

Die Macht der Überzeugungen

Was glaube ich über mich selbst, wenn ich denke, ich sei minderwertig?

Das gemeine an der Sache ist, dass man die Welt so interpretiert, dass sich grundlegende Überzeugungen immer wieder bestätigen.

Wenn mein Blick auf die Welt von den Annahmen „Ich bin es nicht wert.“ „Ich bin nicht schön/klug/gut/… genug.“ oder „Mit mir stimmt etwas nicht.“ geprägt ist, dann interpretiere ich Ereignisse und das Verhalten meiner Mitmenschen immer wieder so, dass sich diese Überzeugungen über mich selbst bestätigen.

Es ist nicht verletzend, dass eine bestimmte Person sich nicht so oft bei mir meldet, sondern ich bin davon verletzt, was dies für mich bedeutet.

Es gibt nur eine begrenzte Anzahl an Muster

Ein Minderwertigkeitskomplex ist nichts, was jemand neu für sich selbst erfunden hat. Verhaltensweisen, wie sich selbst abzuwerten, gegen positives Feedback zu argumentieren, und sich auf seine Schwächen, anstatt auf seine Stärken zu konzentrieren, sind Muster, die wie die Muttersprache gelernt werden. Natürlich haben weder ich noch du das bewusst gelernt. Sondern es gab eine oder mehrere Personen, die vorgelebt haben, wie man sich selbst klein macht. Und Kinder machen nach, was man ihnen vorlebt, nicht was man ihnen sagt.

Für was soll das bitte gut sein?

Diese Muster, also sich selbst abwerten, gegen positives Feedback argumentieren, etc. hätte sich nicht so weit verbreiten können, wenn es nicht auch einen Nutzen hätte. Dinge, wie Verhaltensweisen verschwinden von selbst, wenn sie durch etwas mit mehr Nutzen und weniger Aufwand ersetzt werden können.

Hier ist eine Liste von verstecken Nutzen eines Minderwertigkeitskomplexes. Wenn dir noch mehr Punkte einfallen, lass es mich wissen. Ich ergänze sie gerne.

Die Suche nach Halt

„Unsere größte Angst ist nicht die vor unserer Unzulänglichkeit, sondern die vor unserer eigenen Größe. – Nelson Mandela“

Eine Welt in der niemand größer, stärker, weiser, … als man selbst ist, bietet keinen Halt. Es gibt Sicherheit zu wissen, dass es jemanden größeren gibt, der es gut mit einem meint. Ein Nutzen davon, sich selbst abzuwerten und klein zu machen, kann sein, dass einem dadurch andere größer erscheinen und so auch scheinbar mehr Halt geben können.

Die Angst davor, dass niemand der eigenen Größe standhalten könnte und man dadurch jeden Halt verliert, kann eine entscheidende Rolle dabei spielen.

Schutz vor Angriffen

„Ich bin so klein, schwach, dumm und hilflos. Ich bin kein würdiges Ziel für deinen Angriff. Dafür bin ich viel zu unwichtig.“

Ein dem Minderwertigkeitskomplex zu Grunde liegendes Muster kann der unbewusste Wunsch sein, so schwach und klein zu bleiben, um andere ja nicht auf die Idee zu bringen, man könnte ihnen gefährlich werden.

Menschen, die ihre scheinbare Minderwertigkeit als Schutz einsetzten, haben die Idee, dass man sobald man schön, stark, erfolgreich, … ist, andere sich davon bedroht fühlen und angreifen. Oft spielen dabei folgende oder ähnliche Glaubenssätze mit:

* Erfolgreiche Menschen haben viele Neider
* Wenn ich mehr als mein Partner verdiene, werde ich verlassen
* Schöne Frauen werden vergewaltigt.
* …

Schutz vor zu viel Verantwortung

„Wenn ich zu dumm dafür bin, dann muss ich es auch nicht machen. Ich bin nicht schuld, sondern einfach zu unfähig.“

Es kommt vor, dass sich Eltern unbewusst etwas von ihren Kindern erwarten, dass diese nicht erfüllen können. Dies kann zum Beispiel sein, dass der Sohn die Aufgaben des Partners übernehmen soll, oder dass das Kind die Beziehung der Eltern retten soll oder deren ungelebte Träume verwirklichen soll.

Dadurch entsteht der Eindruck, dass die Welt etwas vom Kind will, das es nicht geben kann, was daran liegen muss, das es nicht gut genug ist. Das führt häufig zu einem generalisierten „Ich kann das nicht.“ Menschen mit diesem Muster haben oft eine beeindruckende Liste an Ausbildungen und Fähigkeiten und sehen sich dennoch immer wieder vor Aufgaben gestellt, die sie überfordern.

Dieses „Ich kann das nicht.“ kann als Schutz gegen die Verantwortung dienen, die dem Kind zugeschoben wurde, es aber nicht tragen kann.

Ein Kind kann die Mutter nicht (dauerhaft!) aus ihrer Einsamkeit befreien, oder dem Vater die Anerkennung, die dieser von seinem Vater gebraucht hätte. Ein Minderwertigkeitskomplex kann als Schutz gegen diese oder ähnliche Forderungen dienen.

Mitleid als Ersatz für Liebe

“Wenn ich nicht klein und schwach bin interessiert sich niemand für mich.”

Vielleicht gehörst du auch zu den Menschen, die nur dann Aufmerksamkeit bekommen haben, wenn sie schwach, krank oder verzweifelt waren. Den Baum erklettert, beste in Mathe, herrliches Bild gemalt … alles egal, aber wenn die Tränen flossen, weil irgendetwas nicht gelungen ist, dann war jemand da, tröstete dich und schenkte dir viel Aufmerksamkeit. Für Selbstständigkeit, Erfolg und Stärke gab es nichts, für’s klein und schwach sein gab es Aufmerksamkeit, Trost und Hilfe.

In diesem Fall scheint es gefährlich die Minderwertigkeitskomplexe los zu lassen, weil man dadurch die Aufmerksamkeit der Retter-Typen verlieren würde. Eventuell würden sich diese noch mit einem vorwurfsvollen „Jetzt brauchst du mich doch gar nicht mehr!“ oder „Das soll der Dank sein. Da kümmere ich mich all die Jahre um dich und jetzt lebst du dein eigenes Leben!“ verabschieden.

… was ich noch sagen möchte

Minderwertigkeitskomplexe sind weder etwas mit dem man halt leben muss, noch etwas, das man so leicht ablegen kann, wie ein altes Kleidungsstück. Sie gehören zu einem erlernten Verhaltenskomplex und es ist möglich neue Muster zu lernen, die die eigenen Bedürfnisse besser erfüllen.

Da Minderwertigkeitskomplexe jedoch tief in die Persönlichkeit reichen, werden sich Widerstände zeigen, die nicht leicht durch etwas gutes Zureden zu überwinden sind. Widerstände deuten auf einen verborgenen Nutzen und unerfüllte Bedürfnisse hin und nur wenn diese Widerstände als liebevolle Hinweisgeber geachtet werden, fällt es leicht, sich auch für neue, effektivere Strategien zu öffnen.

Das beste was Eltern für ihre Kinder tun können, ist ihnen ein Vorbild dafür zu sein, wie man authentisch seinen Selbstwert lebt.

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